25. Mai 2022

Die faszinierende Welt des Darms

Denkaufgaben lösen kann unser Bauch nicht. Trotzdem ist er eine wichtige Schaltzentrale in unserem Körper, die in vielen Aspekten dem Gehirn im Kopf ähnelt.

Im Laufe eines Lebens werden etwa 30 Tonnen Nahrung und 50‘000 Liter Flüssigkeiten durch den Darm transportiert. Ob Milchprodukte, Gemüse, Fleisch oder Teigwaren – unser Darm wird mit (fast) allem fertig. Dank eines faszinierenden Zusammenspiels von Milliarden von Zellen und Mikroorganismen holt der Darm alles Wichtige aus unserer Nahrung, schleust es in den Körper und beeinflusst nebenbei auch noch die Immunabwehr, das Körpergewicht und sogar unsere Gemütslage. Ein Superorgan also, das man entsprechend schätzen und pflegen sollte.

Das Hirn im Bauch

Denkaufgaben lösen kann unser Bauch nicht. Trotzdem ist er eine wichtige Schaltzentrale in unserem Körper, die in vielen Aspekten dem Gehirn im Kopf ähnelt. Die Basis des als Bauchhirn bezeichneten Organs bildet ein komplexes Geflecht aus über 100 Millionen Nervenzellen, welches den gesamten Magen-Darm-Trakt durchzieht. Deren Signale, aber auch im Verdauungstrakt gebildete Hormone, Abwehrzellen und weitere Substanzen liefern jederzeit detaillierte Informationen über die Zusammensetzung der Darmflora, des Nahrungsbreis, aber auch darüber, welche Nährstoffe in den Körper aufgenommen werden sollten. Damit steuert das Bauchhirn die Verdauung völlig autonom. Um sich bei Bedarf trotzdem innert Sekunden mit dem Gehirn austauschen zu können, besteht mit dem Vagusnerv eine Art Standleitung zwischen den beiden Körperregionen. Über diese Verbindung sendet das Verdauungsorgan unter anderem Informationen über die Magensättigung oder den Bedarf an Nährstoffen. Das Gehirn wiederum beeinflusst über Nervenimpulse die Funktion der inneren Organe. Dies geschieht beispielsweise bei Stress. Denn bei hoher körperlicher oder psychischer Belastung verbraucht der Körper mehr Energie. Das Gehirn entscheidet in solchen Situationen, ob in Organsystemen wie dem Verdauungsapparat Energie eingespart werden muss. Gesundheitsstörungen wie Appetitlosigkeit, Verstopfung oder Durchfall können die Folge sein.

«Der Darm ist ein Hochleistungsorgan, das niemand bemerkt, bis es nicht mehr funktioniert.»
PD Dr. med. Emanuel Burri

«Achten Sie auf Ihren Darm! Denn wie bereits Hippokrates sagte: Der Darm ist der Vater aller Trübsale.» 
Prof. Dr. med. Robert Rosenberg

Prof. Dr. med. Robert Rosenberg und PD Dr. med. Emanuel Burri tauschen sich regelmässig aus und planen zusammen das auf die Patientin / den Patienten abgestimmte Therapieverfahren.


Hapert es jedoch beim Informationsaustausch zwischen den beiden Zentren, kann dies ebenfalls negative Auswirkungen auf unser Wohlbefinden haben. Ist beispielsweise die Ausschüttung der Sättigungshormone gestört oder wird das Signal der Sättigung vom Hirn nicht richtig interpretiert, kann dies zu Übergewicht führen. Zudem vermuten die Forschenden, dass der Darm eine Rolle bei Krankheiten wie Depressionen, Parkinson und Multipler Sklerose spielen könnte. Ob sich aus diesen Erkenntnissen in Zukunft neuartige Therapieansätze ableiten lassen, ist noch unklar. Sicher ist aber, dass der Magen-Darm- Trakt viel mehr ist als bloss ein dröger Muskelschlauch, in dem die Nahrung zerkleinert wird. 


Eine Wohngemeinschaft im Darm

Bakterien, Viren und Pilze – Billionen von Mikroorganismen leben in unseren Magen-Darm-Trakt. Ohne sie wären wir verloren. Diese stillen Helfer unterstützen den Körper nicht nur beim Zersetzen der Nahrung. Sie können auch Vitamine synthetisieren, schädliche Keime und Gifte neutralisieren und unser Immunsystem stärken. Die vielen Arten verschiedener Mikroorganismen leben in einer Art Wohngemeinschaft auf der Darmoberfläche. Die Gesamtheit dieser Kleinstlebewesen wird in der Fachsprache als Mikrobiom bezeichnet. Dessen Zusammensetzung ist so individuell wie der Fingerabdruck und sie bleibt im Laufe des Lebens relativ stabil. Erstaunlicherweise baut das Mikrobiom beispielsweise nach einer Antibiotikatherapie seine ursprüngliche Konstellation erneut auf. Doch es kann auch zu einer länger anhaltenden Störung des Gleichgewichts zwischen den Mikroorganismen kommen. Chronische Verdauungsprobleme wie Bauchschmerzen, Übelkeit, Durchfälle bis hin zu einem Reizdarm können die Folge sein. Andererseits kann ein gestörtes Mikrobiom auch andere Organe, ja sogar die Gemütsverfassung, negativ beeinflussen. Deshalb ist es wichtig, dem «Organ Mikrobiom» Sorge zu tragen.

Wenn es dem Darm nicht gut geht

Die Symptome bei einer Erkrankung des Magen-Darm-Trakts sind vielfältig – von dumpfen oder stechenden Bauchschmerzen über Stuhlunregelmässigkeiten, Völlegefühl und Übelkeit bis hin zur Stuhlinkontinenz (lesen Sie dazu unseren Artikel in der Ausgabe vom Mai 2021). Entsprechend unterschiedlich sind die Auslöser. Auch wenn die Ursachen häufig harmlos sind und auch leicht behoben werden können, sollte man im Zweifelsfall ärztlichen Rat einholen. Denn auch Entzündungen und Infektionen sowie Krebserkrankungen können Gesundheitsstörungen des Magen-Darm- Trakts auslösen. Dabei greifen die spezialisierten Ärztinnen und Ärzte auf verschiedene Möglichkeiten der Diagnose zurück. Und dank regelmässiger Vorsorgeuntersuchungen lassen sich viele Erkrankungen frühzeitig erkennen und behandeln. Dazu zählt auch der Darmkrebs, weshalb eine entsprechende Untersuchung bei Frauen und Männern ab 50 Jahren empfohlen wird. Die Expertinnen und Experten des Kantonsspitals Baselland, insbesondere des Darmkrebszentrums, stehen Ihnen mit Rat und Tat zur Seite.


Der Magen-Darm-Trakt in Zahlen

0,5–1,5 Liter Speichel produzieren wir pro Tag. Der Speichel dient nicht nur dazu, den Nahrungsbrei weicher zu machen. In ihm sind auch Verdauungsenzyme enthalten, die Kohlenhydrate spalten.

5,5–7,5 Meter lang ist unser Darm. Damit übersteigt die Darmlänge unsere Körpergrösse um mehr als das Vierfache.

30–40 m2 beträgt die Innenfläche des menschlichen Verdauungsapparats, wenn man ihn flach auswalzen würde. Damit hätte er knapp in einer durchschnittlichen 1-Zimmerwohnung Platz.

2 Kilogramm wiegen in etwa die Billionen (eine 15-stellige Zahl!) von Mikroorganismen, die einen gesunden Darm besiedeln und als stille Helfer für eine gute Verdauung sorgen.

24–72 Stunden dauert im Schnitt die Passage der aufgenommenen Nahrung durch den gesamten Verdauungstrakt – vom Kauen im Mund bis zur Ausscheidung.

70% unserer Körperabwehrzellen sitzen im Darm. Damit sind wir gut gegen Giftstoffe und krank machende Keime geschützt, die wir über die Nahrung und Flüssigkeiten aufnehmen.


 

Prof. Dr. med. Robert Rosenberg
Facharzt für Chirurgie / Viszeralchirurgie (D) / EBSQ Surgical Oncology
Chefarzt
Leiter Darmkrebszentrum

Tel. +41 (0)61 925 21 50
Mail

PD Dr. med. Emanuel Burri
Facharzt für Gastroenterologie / Facharzt für Allgemeine Innere Medizin
Chefarzt Gastroenterologie & Hepatologie
Stv. Leiter Darmkrebszentrum

Tel. +41 (0)61 925 23 58
Mail

Darmkrebszentrum Baselland
KSBL Liestal
T +41 (0)61 925 21 50
darmkrebszentrum@ksbl.ch
www.ksbl.ch/dkz


Der Artikel ist in der KSBL-Gesundheitszeitung medizin aktuell, Ausgabe Mai 2022 erschienen.

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