24. November 2023

Mehr als nur Zyklusbeschwerden - Endometriose

Leidet eine Frau unter extremen Schmerzen während der Menstruation, könnte es sich um Endometriose handeln. Mindestens eine von zehn Frauen ist davon betroffen. Dass es sich dabei um eine chronische, behandelbare Krankheit handelt, wissen viele nicht.

Bei der Frauenklinik Baselland stehen die Frau und ihre Individualität im Zentrum. Im Gespräch die beiden Fachspezialisten Dr. Li Mei Koh, Oberärztin der Frauenklinik Baselland und Dr. med. Raffaele Galli, Leitender Arzt, Klinik Chirurgie & Viszeralchirurgie.

Oft ein langer Weg

Jeden Monat geht Lea* durch die Hölle. Immer wenn ihre Menstruation einsetzt, weiss sie, dass sie in den nächsten Tagen unerträgliche Bauchschmerzen, mehrmaliges Erbrechen und Abgeschlagenheit erwarten. Mehrere Jahre des Leidens verstreichen, bis die junge Frau endlich eine Ärztin findet, die sie ernst nimmt. Bei einer Endometriose wächst Schleimhaut der Gebärmutter auch ausserhalb des Organs. Das kann während der Menstruation starke Schmerzen hervorrufen. Die Gründe dafür sind unbekannt. «Ein erhöhtes Risiko liegt bei familiärer Häufung vor, ebenso bei starken und lang andauernden Blutungen oder wenn die Menstruation in der Jugend früh eingesetzt hatte», erklärt Li Mei Koh, Oberärztin an der Frauenklinik des Kantonsspitals Baselland (KSBL). Sie hat sich auf diesem Gebiet spezialisiert und befasst sich intensiv damit. Dabei fällt ihr auf, wie häufig diese chronische Krankheit vorkommt. «Man schätzt, dass 10 % der Frauen und 50 % der unfruchtbaren Frauen davon betroffen sind. Ich gehe aber davon aus, dass das eine zu tiefe Schätzung ist.» 

Ein Leiden mit vielen Gesichtern

Die Symptome sind oft nicht eindeutig, was eine Diagnose erschwert. So kann eine Frau mit einer milden Form trotzdem unter starken Schmerzen leiden oder unfruchtbar sein. Die Gynäkologin stellt zudem fest, dass viele Frauen nicht über ihre Beschwerden sprechen oder diese ignorieren und denken, damit leben zu müssen. «Es besteht ein fehlendes Bewusstsein für diese Erkrankung. Wenn einer Frau die Schmerzen als krankhaft erscheinen, sollte sie medizinischen Rat einholen.» Das KSBL bietet am Standort Liestal eine spezielle Endometriose- Sprechstunde an. Hier sind die Diagnosestellung und die weiteren Behandlungen aus einer Hand möglich. Endometriose gibt es in unterschiedlicher Form und Ausprägung. Am häufigsten ist eine milde, oberflächliche Endometriose. «Es gibt aber auch ganz schwere Formen, bei denen das Gewebe in den Darm oder die Harnblase einwächst. Dies kann während der Menstruation zu Schmerzen und Blutungen beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang führen», so Dr. Koh. Der Leidensdruck ist in diesem Fall sehr hoch. Sind die Eileiter betroffen, beeinträchtigt dies die Fruchtbarkeit.

Hormonbehandlungen können helfen

Mit der richtigen Behandlung können die Symptome der Endometriose gelindert werden. Dr. Koh nennt die Schmerz- und Hormonbehandlungen auf der einen und die operativen Methoden auf der anderen Seite. Oft werden diese Therapien kombiniert. «Zu einer Hormonbehandlung gehören Verhütungsmittel, wie die Pille oder die Hormonspirale. Damit lässt sich das Wachstum hemmen, die Periode stoppen und die Neubildung weiterer Endometrioseherde verhindern.» Leider lässt sich damit keine dauerhafte Heilung erreichen, denn nach Absetzen der Hormone kehren die Symptome in der Regel zurück. Hilft das nicht, so wird eine Bauchspiegelung empfohlen, die nur kleine Schnitte am Bauch hinterlässt. «Dabei guckt man direkt in den Bauch hinein und schaut sich das Gewebe an. Der Vorteil davon ist, dass wir eine genaue Diagnose machen und gleichzeitig eine Behandlung durchführen können.» Haben sich Endometrioseherde am Darm angesiedelt, so holt sich das Gynäkologen-Team einen erfahrenen Bauchchirurgen dazu. «Das Gewebe kann sich überall im Bauchraum befinden. Wenn es im Darm dadurch zu Engstellen oder Schwellungen kommt, sollte man es entfernen», erklärt Raffaele Galli, Leitender Arzt am Zentrum Bauch des KSBL. Die Operation wird jedoch erst zum Thema, wenn konservative Therapien fehlschlugen. Wirklich erlöst werden die Frauen von diesem Leiden erst, wenn sie in die Menopause kommen. «Die weiblichen Hormone stimulieren die Endometriose. Die Betroffenen müssen also viele Jahre damit leben», so Dr. Koh. Bei manchen kann eine Schwangerschaft Linderung verschaffen. «Der hohe Progesteronspiegel während der Schwangerschaft kann die Symptome der Endometriose lindern. Es gibt Frauen, die nach der Geburt fast symptomfrei sind.» Als Zusatztherapie könne Physiotherapie, Hypnose oder die traditionelle chinesische Medizin, z.B. Akupunktur, unterstützend wirken. Auch Sport, Yoga, Pilates und eine ausgewogene Ernährung haben eine positive Wirkung. «Die Frau soll wissen, dass sie nicht allein ist mit diesem Problem, soll ihren Körper gut kennenlernen und die Ernährung sowie Stress im Auge behalten», gibt Li Mei Koh den Betroffenen mit.   


Leiden Sie während der Menstruation unter starken Schmerzen?

In der Endometriose-Sprechstunde des Kantonsspitals Baselland werden Frauen mit ihrem Problem ernst genommen und eingehend untersucht. Dazu gehört ein ausführliches Gespräch, gefolgt von einer gynäkologischen Untersuchung sowie einem Ultraschall. Bei Verdacht auf eine schwere Endometriose erfolgt eine bildgebende Untersuchung mittels MRI. Anschliessend erhält die Frau einen Vorschlag für einen individuellen Therapieplan.

Dr. med. (UK) Li Mei Koh
Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe
Oberärztin

Tel. +41 61 925 22 15
Mail

Dr. med. Raffaele Galli
Facharzt für Chirurgie / Viszeralchirurgie
Leitender Arzt

Tel. +41 61 925 27 20
Mail

Der Beitrag ist in unserer Gesundheitszeitung medizin aktuell im November 2023 erschienen.
HIER geht es zur Gesamtausgabe.


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