25. November 2021

HIV-Viruserkrankung mit besten Behandlungschancen

Wer sich heute mit dem HIV-Virus ansteckt, kann dank wirksamer Medikamente normal leben. Anlässlich des Welt-AIDS-Tages vom 1. Dezember spricht Prof. Tarr, Infektiologe, über die Therapieerfolge bei HIV.

1985 verbreiteten sich Angst und Schrecken, als plötzlich eine neue Krankheit mit dem Namen AIDS auftauchte. Bald wurde klar, dass die Krankheit einerseits sexuell übertragen werden kann, andererseits aber auch Drogenabhängige durch das Benutzen gebrauchter Spritzen traf. Schockierende Bilder von schwer gezeichneten Menschen gingen um die Welt, und die Todesfälle häuften sich. Lange gab es für diese Infektionskrankheit keine Behandlungsmöglichkeiten. Deshalb versuchte man mit Präventionskampagnen vor risikoreichem Verhalten zu warnen. 1996 kam endlich der langersehnte Durchbruch: Eine Kombinationstherapie kam auf den Markt, welche die erfolgreiche Behandlung der HIV-Infektion ermöglicht.

In der Schweiz stehen heute fast alle Menschen mit HIV in medikamentöser Behandlung. Das Kantonsspital Baselland (KSBL) bietet am Standort Bruderholz spezialisierte Sprechstunden zu Infektionskrankheiten aller Art und insbesondere zu HIV an.

Am Anfang stehen viele Ängste

«Zu uns kommen teilweise Menschen, die ich bereits seit 14 Jahren kenne», sagt Prof. Dr. med. Philip Tarr, Co-Chefarzt Medizinische Universitätsklinik, Leiter Infektiologie und Spitalhygiene. «Wenn jemand aber neu erfährt, dass er oder sie HIV hat, bestehen meist viele Verunsicherungen und Sorgen. Auch heute noch löst HIV in der Bevölkerung Ängste aus.» Viele befürchten, dass sie nicht mehr arbeiten, keine Kinder mehr kriegen können oder bald sterben müssen. Deshalb geht es am Anfang vor allem darum, die Betroffenen sorgfältig aufzuklären, zu beraten und zu umsorgen. «Unser Ziel ist es, den Menschen diese Ängste zu nehmen und sie darüber aufzuklären, dass es mittlerweile extrem wirksame und bestens verträgliche Medikamente gibt, die eine normale Lebenserwartung ermöglichen. Natürlich führt eine unbehandelte HIV-Infektion zu AIDS und zum Tod. Aber heute muss – dank der wirksamen Medikamente – niemand mehr an AIDS erkranken oder sterben.» Werden die Tabletten regelmässig eingenommen, lässt sich das Leben ganz normal weiterführen. «Betroffene haben es selber in der Hand, wie es ihnen geht. Deshalb motivieren wir sie, die Medikamente auch wirklich jeden Tag einzunehmen.» Bis diese die volle Wirkung entfalten können und alle Viren aus dem Blut eliminiert haben, dauert es wenige Monate. In dieser Zeit sollte kein ungeschützter Sex praktiziert werden. Anschliessend könne man den Gummi gut weglassen, so Prof. Tarr. «Safer Sex ist aber immer noch das Beste, denn es gibt ja noch andere sexuell übertragbare Infektionen, wie Chlamydien, Syphilis, Tripper und Co. Mit einem Kondom lassen sich die Risiken einer Ansteckung senken.» Insbesondere bei oft wechselnden Partnerinnen oder Partnern gilt es aufzupassen.


 

Prof. Dr. med. Philip Tarr ist Co-Chefarzt der Medizinischen Universitätsklinik und Leiter Infektiologie und Spitalhygiene.

Als Infektiologe beschäftigt ihn die Corona- Pandemie stark. Für viele Medien ist er hierfür ein fachkundiger Interviewpartner. Neben seiner Arbeit als Arzt ist er Paukist im Barockorchester La Cetra. 2005 bis 2021 war er Gastdozent für Barockpauken an der Hochschule für Alte Musik, der Schola Cantorum Basiliensis, in Basel.  


HIV-Betroffene haben es selber in der Hand

Werden die Tabletten auch nach jahrelanger Einnahme weggelassen, so schleicht sich das Virus wieder in den Körper. «Das ist wie mit den Blutdruckmedikamenten: Wenn man diese nicht mehr nimmt, steigt auch der Blutdruck wieder an. Genauso ist es beim HIVVirus. Solange man die Medikamente nimmt, hat man auch keine Viren im Blut.»

Doch was tun, wenn man ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer möglicherweise infizierten Person hatte? «In diesem Fall gibt es die Möglichkeit einer sogenannten Postexpositionsprophylaxe. Dafür nimmt man innerhalb von 48 Stunden nach dem ungeschützten Sex während insgesamt 30 Tagen HIV-Medikamente ein.» Weil dies häufig am Wochenende vorkomme, suchen Betroffene dafür meist den Notfall auf. Nach sechs Wochen wird ein Test gemacht, um sicherzugehen, dass keine Infektion stattgefunden hat.

Obwohl seit Jahren daran geforscht wird, ist bis heute keine Heilung von HIV möglich. Die Frage drängt sich auf, weshalb es noch keinen Impfstoff gibt. Bei COVID-19 gelang es, innert kurzer Zeit einen solchen auf den Markt zu bringen. «Das Coronavirus mutiert längst nicht so schnell wie das HIV-Virus, das jeden Tag tausende neuer Varianten bildet. Mit der mRNA-Technologie, die sich jetzt als erfolgreich erwiesen hat, ist aber auch neue Hoffnung für HIV entstanden. Es gilt abzuwarten.»

Prof. Dr. med. Philip Tarr
Facharzt Allg. Innere Medizin u. Infektiologie FMH
Co-Chefarzt Medizinische Universitätsklinik,
Infektiologie und Spitalhygiene

Tel. +41 (0)61 436 21 81
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Der Beitrag ist in der Dezember-Ausgabe des Magazins Regio aktuell erschienen. 


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