03. September 2021

Der Atmung auf die Sprünge helfen

Wenn nachts beim Schlafen die Zunge nach hinten rutscht, ist der Luftfluss behindert, so dass es zu Sauerstoffmangel kommt. Für die sogenannte Apnoe gibt es unterschiedliche Behandlungsmöglichkeiten. Eine davon ist der Zungenschrittmacher.

Nicht in allen Schlafzimmern der Schweiz herrscht nachts Stille. Hier und da wird geschnarcht und das in unterschiedlicher Intensität. Die Partnerin von Walter* musste immer öfter ins Gästezimmer flüchten, weil ihr Liebster ganze Wälder abholzte, wie sie mit einem Schmunzeln erzählt. Nicht nur die Lärmemissionen waren unangenehm, Walter fühlte sich nach dem Aufwachen oft abgeschlagen und müde. Schon bald wurde bei ihm eine Schlafapnoe diagnostiziert. Diese entsteht, wenn die Zungenmuskulatur während des Schlafes erschlafft, die Zunge dabei nach hinten rutscht und die Atemwege verschliesst. Dies führt zu regelmässigen Atemaussetzern von mehreren Sekunden, was einen Sauerstoffmangel nach sich zieht. Betroffene erwachen des Nachts häufig nach Luft ringend. Nach einer Untersuchung im Schlaflabor erhielt Walter eine sogenannte CPAP-Maske, die ihm nachts Luft zuführen sollte. 


Haben Sie Schlafprobleme?

Am Zentrum für Schlafmedizin der Klinik für Hals-Nasen-Ohrenkrankheiten (HNO) des Kantonsspitals Baselland in Liestal erhalten Sie eine umfassende Abklärung und eine individuelle Beratung.

Kontaktieren Sie uns für ein Erstgespräch
www.ksbl.ch/schnarchabklaerung


Der Sechzigjährige kam aber mit der Maske nicht klar, denn sie verrutschte immer wieder, fühlte sich unangenehm an und brachte keine Besserung. Nach weiteren Abklärungen im Kantonsspital Baselland, KSBL sprach Prof. Dr. med. Kurt Tschopp, Chefarzt HNO-Klinik mit ihm über die Möglichkeit eines Zungenschrittmachers. Dieser wird in einer Operation eingesetzt und hilft, den Zungengrund während des Schlafens anzuheben. «Wir am KSBL Baselland haben schweizweit die grösste Erfahrung mit diesem modernen Therapieverfahren. Mehr als 80% der in der Schweiz operierten Patientinnen und Patienten erhielten ihren Zungenschrittmacher bei uns», berichtet Prof. Tschopp. Dieser Eingriff kommt für Menschen mit Apnoe in Frage, bei denen die CPAP-Maske nicht vertragen wird und die Unterkieferschiene, welche für eine Straffung des Gewebes im Rachen sorgen soll, nicht möglich ist. Ein sympathischer Nebeneffekt dabei ist, dass das Schnarchen zurückgeht. «Das alleine kann aber kein Grund für diese Operation sein. Sie ist erst als dritte Stufe zu verstehen.» Als weitere Voraussetzung gilt ein Body Mass Index von weniger als 32. Bei starkem Übergewicht, das ein häufiger Auslöser für Apnoe ist, sollte zuerst dieses behandelt werden, empfiehlt Prof. Tschopp. Pro Jahr werden am KSBL 12 – 15 Zungenschrittmacher- Operationen vorgenommen. «Bei einer so seltenen Operation ist es von Vorteil, wenn das Operationsteam über die entsprechende Erfahrung verfügt.»

«Wir am Kantonsspital Baselland haben schweizweit die grösste Erfahrung mit diesem modernen Therapieverfahren.»

Prof. Dr. med. Kurt Tschopp, Chefarzt Klinik für HNO am
Kantonsspital Baselland

Kurt Tschopp ist Hals-Nasen-Ohren (HNO) Spezialist, leitet seit 1995 die HNO-Klinik in Liestal und baute dort ab 2004 das Zentrum für Schlafmedizin der HNO-Klinik auf. Er sucht mit seinen Schlafapnoe-Patientinnen und -Patienten stets nach der individuell passenden Therapie. Um möglichst viele Menschen über die nächtlichen Atemaussetzer zu informieren, wirkte er wiederholt als Experte an SRF-Gesundheitssendungen mit.

Mikrochirurgischer Eingriff mit grossem Effekt

Der Eingriff dauert rund drei Stunden und ist wenig schmerzhaft, deshalb ist nur eine kurze Aufenthaltsdauer von 2 – 3 Tagen im Spital notwendig. «Der Schrittmacher wird auf die rechte Brustseite gesetzt. Wir implantieren einen Sensor zwischen die Rippen, der nachts bei jedem Einatmen einen Impuls an den Zungennerv sendet. Dadurch hebt sich der Zungengrund und gibt den Atemweg frei», erklärt Prof. Tschopp. Für die Elektrode brauche es zusätzlich einen kleinen Schnitt unter dem Kinn. Nach dem Aufwachen wird der Zungenschrittmacher ausgeschaltet, so dass es tagsüber zu keiner Beeinträchtigung kommt. Die Batterie hält mindestens elf Jahre, bevor das vier Zentimeter grosse Gerät in einem kleinen ambulanten Eingriff ersetzt wird. Der Batteriestand lässt sich mit einem speziellen Gerät messen. Die Erfolgs- und Zufriedenheitsrate dieses Eingriffs liege bei rund 80%, so Prof. Tschopp. Das Risiko der Operation sei als gering zu bezeichnen. Trotzdem kann es vorkommen, dass sich jemand durch die Stimulation im Schlaf gestört fühlt.

Test eines neuen Systems

Mit diesem bewährten Modell namens Inspire arbeitet Prof. Tschopp bereits seit 15 Jahren. Im Rahmen einer Anwendungsstudie testen er und sein Team zurzeit ein neues Modell. «Bei dieser Methode wird nicht nur eine Seite, sondern der gesamte Zungengrund angehoben. Dafür wird lediglich eine Elektrode unter dem Kinn platziert. » Für die Energieversorgung wird nachts ein spezielles Pflaster mit einem Stimulationsknopf unter das Kinn geklebt, um so den Zungengrund zu stimulieren. «Dabei handelt es sich um ein zugelassenes Produkt, das wir im Rahmen einer europaweiten Studie testen. Das ist von Vorteil für alle Beteiligten, denn so erhalten wir noch mehr Daten, können die Vor- und Nachteile kennenlernen und gewinnen Erfahrung mit diesem System.» Dieses tagsüber passive System bietet einige Vorteile, so ist damit etwa eine Röntgenuntersuchung mit MRI möglich – mit Inspire ist dies nicht der Fall. Diesen Sommer setzten Prof. Tschopp und sein Team die ersten zwei Schrittmacher dieses Typs ein.


EliSA Studie

Ein neuartiger, in Europa zugelassener, implantierbarer Zungennervenstimulator kommt derzeit an unserer Hals-Nasen-
Ohren-Klinik in Liestal in einer klinischen Anwendungsstudie zum Einsatz.
Erfahren Sie hier mehr dazu:
www.ksbl.ch/elisastudie


Prof. Dr. med. Kurt Tschopp
Facharzt für Oto-Rhino-Laryngologie
Chefarzt

Tel. +41 (0)61 925 27 40
Mail

Der Beitrag ist im Regio aktuell & Basel aktuell, Ausgabe September 2021 erschienen.

 

* Name von der Redaktion geändert


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